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Immendingen, Kreis Tuttlingen (dpa/lsw) - Die Einwohner von Samoa singen "Po Fanau, Po Manu". Aus dem brasilianischen Urwald hört man "Akamot met, Akamot met", der Eskimo hebt an mit "Jutdlime Kimsugtut" und aus deutschen Kehlen tönt es in diesen Tagen "Stille Nacht, Heilige Nacht". Auch wenn die Texte aus der Südsee oder vom Pol so gänzlich fremd klingen, die Melodie ist doch allen Liedern gleich. Das vom katholischen Pfarrer Joseph Mohr und seinem Organisten Franz Gruber im salzburgischen Oberndorf nach neuesten Erkenntnissen bereits 1816 geschriebene Weihnachtslied "Stille Nacht, Heilige Nacht" ist buchstäblich um die Welt gegangen. Und der Chronist dieser Reise ist der heute 85 Jahre alte Pfarrer Josef Keller aus Immendingen. "Es werden wohl über 230 verschiedenen Sprachen sein, in denen ich das Lied gesammelt habe", erinnert sich der Pfarrer heute. Seit einem Jahr ist der Ehrenbürger von Immendingen pensioniert, bis zu seinem 84. Lebensjahr noch hat er die katholischen Gläubigen in dem zu Immendingen gehörenden Dörfchen Ippingen betreut. Dort war er auch ein begeisterter und beliebter Religionslehrer. Jahrelang galt vor allem die chinesische Version von "Stille Nacht, heilige Nacht" als der heimliche Hit der kleinen Ippinger, die sich kringelten, wenn der Pfarrer das beliebte Weihnachtslied auf chinesisch sang.

Auf die Idee war Keller 1948 gekommen, als er in einer Zeitungsmeldung von einem Jubiläumsgottesdienst in Österreich las, bei dem "Stille Nacht..." in fünf Sprachen vorgetragen wurde. Keller schrieb nach Salzburg., warum das Lied nicht auch in anderen Sprachen gesungen worden war und erhielt die Antwort, daß es wohl keine anderen Übersetzungen gebe. Da wurde in dem ohnehin sprachinteressierten Geistlichen der Detektiv wach. Er schrieb zunächst an Missionsstationen und Pfarrämter in aller Welt, später auch an deutsche Botschaften und Konsulate. Oft kam die Antwort spät, etwa weil der Kardinal von den Philippinen erstmal nach einem deutschsprachigen Missionar suchte. Als ausgesprochen fruchtbar erwies sich die Hilfe eines Pfarrers auf Samoa, denn wegen der vielen Sprachen im der Südsee kam einiges an "Stille Nacht"-Versionen zusammen. Auch die Indianerstämme in Südamerika sorgen bis heute für neue Lied-Übersetzungen.

"Ja, ich bekomme heute noch besonders um die Weihnachtszeit Briefe und Anrufe aus aller Welt", freut sich der inzwischen gebrechliche alte Herr, dessen Augen allerdings noch munter funkeln. Der Bundesverdienstkreuzträger, der sich auch einen Namen als Naturforscher und Paläontologe gemacht hat, wartet jetzt auf einen Platz im Altenheim. Im Pfarrhaus von Ippingen sieht es nach über 45jähriger Priestertätigkeit nach Aufbruch aus. Es stapeln sich Berge von Büchern und Notizblättern, überall stellen Kisten mit Versteinerungen herum, die in verschiedene Museen kommen werden. Die Zettel mit den fein säuberlich aufgeschriebenen Übersetzungen von "Stille Nacht, Heilige Nacht" wird Pfarrer Keller aber aus seinem Safe mit ins Altenheim nehmen. "Solange ich am Leben bleibe, werde ich weiter sammeln", sagt er, und dabei geht ein Lächeln über das Gesicht des 85 jährigen Geistlichen.




Oberndorf, Österreich - Jedes Jahr am 24. Dezember verläßt ein Sonderzug, gezogen von einer roten elektrischen Lokomotive, den Bahnhof von Salzburg, um auf eine halbstündige Fahrt nach Oberndorf zu gehen. Eine Vielzahl von Sprachen kann von den Passagieren, die von der ganzen Welt zusammengekommen waren, wahrgenommen werden. Sie alle begaben sich auf diese "Weihnachtspilgerfahrt" zum Geburtsplatz des auf der Welt am meisten geliebten Weihnachtsliedes "Stille Nacht".

Zur gleichen Zeit sind in Oberndorf die Straßen überfüllt mit Autos aus ganz Europa und mit Menschen, die über die Autobahnen hierher gekommen sind, um einen ganz speziellen Weihnachtsabend zu verbringen.

"Stille Nacht", dessen einprägsame Melodie und einfache Botschaft von der himmlischen Ruhe kann zu dieser Zeit an Straßenecken des kleinen Dorfes in Mittelamerika, in riesigen Kathedralen in Europa oder bei Konzerten im Lichterschein von Fackeln in Australien bis hin zu den mit Palmblatt bedeckten Hütten im Norden Perus gehört werden.